© 2011 - Nicolai Semmler
Worum geht’s? Folgendes fiel auf: In einer Studie von 2009 (BMBF 2009, S.464), wurde festgestellt, dass von 16.000 befragten Studenten, immerhin 13 % angeben, in dem betreffenden Jahr mindesten Einmal Hilfe wegen Prüfungsangst benötigt zu haben. Sich wirklich Hilfe geholt haben allerdings nur 2 %. Wenn wir das ganze umrechnen, bedeutet dass, das 15 Prozent der Prüfungsängstlichen, die selber angeben Hilfe zu brauchen, auch welche Annehmen. Umgekehrt also 85 % keine Hilfe suchen, obwohl sie welche benötigen. Wenn man sich die selben Zahlen mit einem Zahnarztbesuch vorstellt wird es richtig absurd. Prüfungsangst scheint allerdings tolerierter zu sei, da jeder Mensch verstehen kann, dass man sich vor Prüfungen fürchtet.
. . . und jetzt?
Wenn man dabei bedenkt, dass die durchschnittliche Verweildauer bei Prüfungsangst nur 2-3 Sitzungen ist, sollte man meinen dass man diese 3 Stunden Zeit investieren könnte, bzw. müsste. Trotzdem - Denken wir an den Zahnarztbesuch zurück : 85 % nehmen, wenn auch nicht freiwillig in Kauf, dass im leben einiges ins Arge gerät. Aber warum?
Wer wurde befragt? Befragt wurden 122 Personen, die über diese Website einen Fragebogen zu Prüfungsangst ausgefüllt haben. 100 Fragebögen wurden komplett beanwortet. Die folgende Umfrage ist nicht repräsentativ im wissenschaftlichen Sinne, da die Stichprobe zu klein ist. Allerdings lässt sich ein klarer Trend erkennen, der sich mit hoher Wahrscheinlichkeit in größeren Befragungen bestätigen wird.
Die Auswertung zeigt, dass deutlich mehr Frauen angeben von Prüfungsangst betroffen zu sein. Das ist erstmal keine Überraschung, denn gemeinhin gelten Frauen bei Angststörungen als stärker betroffen als Männer. Exkurs- Geschlechterverteilung bei Prüfungsangst: Für den Teilbereich der sozialen Phobie wurden 3-4 mal höhere Häufigkeiten bei Frauen in der Bevölkerung festgestellt. In klinischen Stichproben hingegen, ist das Geschlechterverhältnis mit 1:1 etwa gleichverteilt, was dadurch erklärt wird, dass Männer aufgrund übernommener Rollenvorstellungen, Probleme eher direkt angehen (Fehm, S.800). Einen interessanten Geschlechtsunterschied konnten Chapell et al. 2005 in einer Untersuchung an Graduate Studenten feststellen: Anders als ihre männlichen Kommilitonen, waren ausschließlich Studentinnen von der Leistungseinbußen bei Prüfungsangst betroffen. (Studenten konnten zwar auch von Ängsten geplagt sein, jedoch wirkte sich dass in der Regel nicht auf die Leistung aus). Umgekehrt hatten die Studentinnen trotz der höheren Angstwerte die besseren Ergebnisse in den Prüfungen (Chapell et al., zitiert nach Knigge-Illner, S.336).
Obgleich übermäßig viele Studenten in der Untersuchung sein müssten, machen diese nur ein knappes Drittel aus. 37% der Befragten gehen zur Schule und knappe 20 % - und das ist auch wichtig und interessant, leiden an Prüfungsangst, obwohl sie längst im Job sind.
Schade ist, dass in den Mainstream Untersuchungen,
vor allem Haupt- und Realschüler nicht wirklich vorkommen. Immerhin ist
anzunehmen, dass ein Teil von Ihnen auch das Zeug zu einer höheren
Schullaufbahn hätte, wenn die Sache mit der Bewertungsangst nicht wäre.
Warum wird keine Hilfe angenommen? Das ist die eigentliche Frage hinter den vielen Fragen. Interessanterweise hat sich bisher kaum jemand darum gekümmert. Alle mir bekannten Untersuchungen haben sich darauf beschränkt festzustellen: „Es gibt Leute die Hilfe brauchen, es gibt Leute die Hilfe anbieten und nur ganz wenige nehmen Hilfe an.“ So richtig schlauer wird man dadurch natürlich nicht.
Wenn man aus den obenstehenden Zahlen diejenigen rausrechnet, die angeben keine Hilfe zu benötigen, obwohl sie Angst haben, zeigt sich, dass von den verbleibenden 74 Personen, immerhin 31,08% angeben sich zu schämen, oder Angst zu haben um Hilfe zu fragen. Somit scheint vor allem das Thema Scham sehr wichtig zu sein. Die Frage die logischerweise daraus entsteht, ist, wie denn ein Angebot aussehen müsste, dass angenommen wird, obwohl man an Prüfungsangst leidet. Wenn Du selber an Prüfungsangst leidest und genau dieses Problem kennst, würde ich mich freuen, wenn Du – mit Hilfe der Anonymität des Internet – dazu etwas ins Forum schreiben könntest. Nur so kommen wir alle von der Stelle. Andere User können von Deiner Einschätzung profitieren und Therapeuten die dies lesen, können sich überlegen wie sie ihre Hilfsangebote strukturieren. Es wäre einfach jammerschade, wenn es immer so weiter geht, dass etliche Tausend Menschen evtl. Lebenslang unterhalb ihrer Fähigkeiten arbeiten müssen und ggf. andere, die den Job nicht so gut machen, aber redegewandter sind, die Stelle kriegen.
Quellen:
Bundeministerium für Bildung und Forschung (2009),
Die wirtschaftliche und soziale Lage der
studierenden in der Bundesrepublik Deutschland 2009.
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